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Altersvorsorge für Selbstständige: Richtig vorsorgen

Altersvorsorge für Selbstständige: Gesetzliche Rente, Rürup-Rente, ETF-Sparplan, Immobilien und das Schichtmodell. So viel sollten Sie monatlich sparen.

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UnternehmerGuide Redaktion

17. Januar 202610.485 Min Lesezeit

Altersvorsorge für Selbstständige: Richtig vorsorgen

Die Altersvorsorge ist das Thema, das Selbstständige am häufigsten verdrängen — und am teuersten dafür bezahlen. Denn während Angestellte automatisch in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen und oft eine betriebliche Altersvorsorge erhalten, müssen Sie als Selbstständiger komplett eigenverantwortlich vorsorgen.

Das Problem: In der Gründungsphase ist das Geld knapp, die Rente scheint weit weg, und andere Ausgaben haben Priorität. Die Wahrheit ist: Jedes Jahr, das Sie ohne Vorsorge verstreichen lassen, kostet Sie durch den verlorenen Zinseszinseffekt ein Vielfaches.

Dieser Leitfaden zeigt Ihnen alle Optionen, ihre Vor- und Nachteile und wie viel Sie tatsächlich zurücklegen sollten.

Die Ausgangslage: Warum Selbstständige besonders vorsorgen müssen

Kein automatisches Sicherheitsnetz

Als Angestellter fließen jeden Monat 18,6 % Ihres Bruttogehalts in die gesetzliche Rentenversicherung — die Hälfte davon zahlt der Arbeitgeber. Bei einem Bruttolohn von 4.000 € sind das 744 € monatlich, die für Ihre Rente arbeiten.

Als Selbstständiger zahlen Sie in den meisten Fällen nichts ein. Null. Wenn Sie 30 Jahre selbstständig arbeiten und nichts tun, haben Sie keinen Rentenanspruch.

Die Rentenlücke berechnen

Die Rentenlücke ist die Differenz zwischen dem, was Sie im Alter brauchen, und dem, was Sie ohne zusätzliche Vorsorge bekommen.

Rechenbeispiel:

PositionBetrag
Gewünschtes monatliches Einkommen im Alter2.500 €
Erwartete gesetzliche Rente (bei wenig Einzahlung)200 €
Monatliche Rentenlücke2.300 €

Um 2.300 € monatlich aus einem Vermögen zu entnehmen (bei 4 % Entnahmerate), brauchen Sie ein Vermögen von ca. 690.000 € zum Renteneintritt.

Das klingt nach viel — ist aber über 25-30 Jahre durchaus erreichbar, wenn Sie früh und konsequent anlegen.

Schicht 1: Gesetzliche Rente und Rürup-Rente

Das deutsche Altersvorsorgesystem basiert auf drei Schichten. Die erste Schicht umfasst die Basisversorgung.

Freiwillige Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung

Auch als Selbstständiger können Sie freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.

Eckdaten:

ParameterWert (2025)
Mindestbeitrag96,72 €/Monat
Höchstbeitrag1.404,30 €/Monat
Frei wählbarJeder Betrag zwischen Mindest- und Höchstbeitrag
Steuerliche Absetzbarkeit100 % als Sonderausgaben (bis zum Höchstbetrag)

Vorteile:

  • Absicherung der Erwerbsminderungsrente (zahlt bei dauerhafter Arbeitsunfähigkeit)
  • Erfüllung von Mindestversicherungszeiten (z. B. 5 Jahre für Grundrente)
  • Inflationsschutz durch regelmäßige Rentenanpassungen
  • Hinterbliebenenversorgung (Witwen-/Waisenrente)

Nachteile:

  • Vergleichsweise niedrige Rendite
  • Kein Kapitalwahlrecht — nur monatliche Rente
  • Rentenalter steigt (aktuell 67 Jahre)
  • Besteuerung im Alter

Empfehlung: Zahlen Sie zumindest den Mindestbeitrag ein, um den Anspruch auf Erwerbsminderungsrente zu erhalten. Als alleinige Altersvorsorge reicht die gesetzliche Rente nicht aus.

Die Rürup-Rente (Basisrente)

Die Rürup-Rente wurde speziell für Selbstständige als steuerlich begünstigte Altersvorsorge konzipiert.

So funktioniert sie:

Sie zahlen monatlich oder jährlich in einen Rürup-Vertrag ein. Das Geld wird angelegt (je nach Vertrag in Fonds, ETFs oder klassisch verzinst) und ab Rentenbeginn als lebenslange monatliche Rente ausgezahlt.

Steuerliche Vorteile:

JahrAbsetzbarkeit der BeiträgeBesteuerung der Rente
2025100 %Besteuerungsanteil steigt mit dem Renteneintrittsjahr
Höchstbetrag (ledig, 2025)27.566 €
Höchstbetrag (verheiratet, 2025)55.132 €

Vorteile der Rürup-Rente:

  • Hohe steuerliche Absetzbarkeit in der Einzahlungsphase
  • Insolvenzgeschützt (Guthaben kann nicht gepfändet werden)
  • Flexible Beitragszahlung (kann an Geschäftslage angepasst werden)
  • Bei fondsbasierten Tarifen gute Renditechancen

Nachteile:

  • Kein Kapitalwahlrecht — nur lebenslange Rente möglich
  • Frühestens ab 62 Jahren verfügbar
  • Nicht vererbbar (nur Hinterbliebenenrente bei entsprechendem Zusatz)
  • Kosten je nach Anbieter zum Teil hoch

Empfehlung: Rürup lohnt sich besonders für Selbstständige mit hohem Einkommen und entsprechendem Steuersatz. Wählen Sie einen fondsbasierten Tarif mit niedrigen Kosten (ETF-basiert), um die Rendite zu maximieren.

Schicht 2: Betriebliche Altersvorsorge

Die zweite Schicht umfasst die betriebliche Altersvorsorge (bAV) und die Riester-Rente.

bAV für Selbstständige?

Die klassische betriebliche Altersvorsorge kennen die meisten von Angestellten. Als Selbstständiger mit einer GmbH oder UG können Sie sich jedoch als Geschäftsführer eine Pensionszusage erteilen oder eine Unterstützungskasse nutzen.

Pensionszusage für GmbH-Geschäftsführer:

  • Die GmbH sagt Ihnen eine betriebliche Rente zu
  • Die Rückstellungen dafür mindern den Gewinn der GmbH (Steuerersparnis)
  • Die spätere Rente wird als Einkommen versteuert

Voraussetzungen:

  • Sie müssen seit mindestens 2-3 Jahren Geschäftsführer sein
  • Das Unternehmen muss wirtschaftlich in der Lage sein, die Zusage zu finanzieren
  • Die Zusage muss angemessen sein (Finanzamt prüft)

Empfehlung: Relevant für GmbH-Geschäftsführer mit stabilem Unternehmen. Die Einrichtung erfordert fachliche Beratung — sprechen Sie mit Ihrem Steuerberater.

Riester-Rente

Die Riester-Rente steht nur unmittelbar und mittelbar förderfähigen Personen zu. Selbstständige gehören in der Regel nicht dazu, es sei denn, sie zahlen freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung ein oder der Ehepartner ist unmittelbar förderberechtigt. In den meisten Fällen ist Riester für Selbstständige nicht relevant.

Schicht 3: Private Vorsorge — ETFs, Immobilien und mehr

Die dritte Schicht ist die flexibelste und für viele Selbstständige die wichtigste.

ETF-Sparplan: Das Fundament der privaten Vorsorge

Ein ETF-Sparplan (Exchange Traded Fund) ist für die meisten Selbstständigen die beste Form der privaten Altersvorsorge — wegen der Einfachheit, der niedrigen Kosten und der historisch überlegenen Rendite.

So funktioniert es:

Sie investieren monatlich einen festen Betrag in einen breit gestreuten Aktien-ETF. Der ETF bildet einen Index ab (z. B. den MSCI World mit über 1.500 Unternehmen weltweit) und entwickelt sich entsprechend.

Historische Renditen:

IndexDurchschnittliche Jahresrendite (langfristig)
MSCI Worldca. 7-8 % p.a. (vor Inflation)
MSCI ACWIca. 7-8 % p.a.
S&P 500ca. 8-10 % p.a.
DAXca. 6-8 % p.a.

Rechenbeispiel: Was bringt ein ETF-Sparplan?

Monatliche SparrateAnlagedauerErwartetes Endkapital (7 % p.a.)
300 €20 Jahreca. 156.000 €
300 €30 Jahreca. 365.000 €
500 €20 Jahreca. 260.000 €
500 €30 Jahreca. 608.000 €
1.000 €20 Jahreca. 520.000 €
1.000 €30 Jahreca. 1.216.000 €

Vorteile:

  • Niedrige Kosten (TER 0,1-0,3 % p.a. bei großen ETFs)
  • Breite Streuung über tausende Unternehmen
  • Volle Flexibilität (jederzeit anpassbar, pausierbar, verkäuflich)
  • Kein Mindestbeitrag (ab 25 €/Monat möglich)
  • Kein Vertragsabschluss nötig — einfach Depot eröffnen und loslegen

Nachteile:

  • Keine steuerliche Förderung wie bei Rürup
  • Wertschwankungen (kurz- bis mittelfristig möglich)
  • Erfordert Disziplin, in Krisen nicht zu verkaufen
  • Kapitalertragssteuer auf Gewinne (ca. 26,4 % inkl. Soli)

Empfehlung: Für die meisten Selbstständigen ist ein breit gestreuter Welt-ETF (z. B. auf den MSCI World oder FTSE All-World) der beste Baustein. Starten Sie so früh wie möglich — selbst mit kleinen Beträgen.

Immobilien als Altersvorsorge

Immobilien sind in Deutschland die beliebteste Form der Altersvorsorge — und für Selbstständige unter bestimmten Bedingungen sinnvoll.

Selbstgenutzte Immobilie:

  • Spart im Alter Miete (wohnkostenfrei leben)
  • Keine Rendite im klassischen Sinne, aber stabile Wohnsituation
  • Nicht flexibel — hohes Klumpenrisiko

Vermietete Immobilie:

  • Monatliche Mieteinnahmen als Zusatzeinkommen
  • Steuerliche Vorteile (Abschreibung, Zinsabzug)
  • Wertsteigerungspotenzial
  • Hoher Kapitaleinsatz und Verwaltungsaufwand

Achtung: Immobilien erfordern Eigenkapital (in der Regel 20-30 % des Kaufpreises) und sind illiquide. Als einzige Altersvorsorge sind sie zu riskant. Wenn Ihnen Kapital für den Start fehlt, lesen Sie zunächst unseren Artikel Selbstständig ohne Eigenkapital.

Weitere Anlageformen

AnlageformRenditeerwartungRisikoGeeignet als
Tagesgeld/Festgeld2-4 %Sehr niedrigNotgroschen, nicht für Langfrist
Anleihen-ETFs3-5 %Niedrig-mittelBeimischung ab 50+
Gold3-5 % (langfristig)MittelKrisenschutz, max. 10 %
Einzelaktien0-15 %+HochNur mit Expertise
KryptowährungenHoch volatilSehr hochSpekulation, nicht für Altersvorsorge

Das Schichtmodell: Die optimale Strategie

Die klügste Altersvorsorgestrategie für Selbstständige kombiniert verschiedene Bausteine aus allen drei Schichten. So nutzen Sie Steuervorteile, behalten Flexibilität und streuen Risiken.

Empfohlenes Schichtmodell

Schicht 1 — Basisversorgung (30-40 % des Vorsorgebudgets):

  • Rürup-Rente (ETF-basiert) für maximale Steuerersparnis
  • Optional: Freiwillige Beiträge zur gesetzlichen Rente (Mindestbeitrag für Erwerbsminderungsschutz)

Schicht 2 — Betriebliche Vorsorge (0-20 %):

  • Nur relevant für GmbH-Geschäftsführer (Pensionszusage)
  • Sonst überspringen

Schicht 3 — Private Vorsorge (40-70 %):

  • ETF-Sparplan als Kernbaustein
  • Optional: Immobilien als Beimischung (wenn Kapital vorhanden)
  • Tagesgeld als Liquiditätsreserve (3-6 Monatsausgaben)

Beispiel: Vorsorgemix für verschiedene Einkommensstufen

Solo-Selbstständiger, 35 Jahre, Gewinn 60.000 €/Jahr:

BausteinMonatlichSteuereffekt
Rürup-Rente (ETF-basiert)400 €ca. 170 € Steuerersparnis
ETF-Sparplan500 €Keine direkte Förderung
Gesetzliche Rente (Mindestbeitrag)97 €Als Sonderausgabe absetzbar
Gesamt997 €
Effektive Belastung nach Steuerca. 830 €

GmbH-Geschäftsführer, 40 Jahre, Gehalt 100.000 €/Jahr:

BausteinMonatlichSteuereffekt
Rürup-Rente (ETF-basiert)800 €ca. 370 € Steuerersparnis
Pensionszusage über GmbH500 €Gewinnminderung der GmbH
ETF-Sparplan (privat)700 €Keine direkte Förderung
Gesamt2.000 €

Wie viel sollten Sie sparen?

Die Faustregeln

  • Minimum: 15 % Ihres Nettogewinns
  • Empfohlen: 20-25 % Ihres Nettogewinns
  • Ideal: 30 %+ (für früheren Ruhestand oder zusätzliche Sicherheit)

Die 1.000-€-Regel

Eine vereinfachte Faustregel: Für jeden Euro monatliche Rente, den Sie im Alter erhalten wollen, brauchen Sie etwa 300 € angespartes Vermögen (bei 4 % Entnahmerate).

Gewünschte monatliche RenteBenötigtes Vermögen
1.000 €300.000 €
2.000 €600.000 €
3.000 €900.000 €
4.000 €1.200.000 €

Was tun, wenn Sie spät anfangen?

Wenn Sie erst mit 40 oder 45 anfangen vorzusorgen, müssen Sie entweder:

  • Höhere monatliche Beträge investieren
  • Einen späteren Renteneintritt akzeptieren
  • Ihre Ausgaben im Alter reduzieren
  • Oder eine Kombination aus allem

Auch ein später Start ist besser als kein Start. Jeder investierte Euro zählt.

Häufige Fehler bei der Altersvorsorge

1. Gar nicht vorsorgen

Der teuerste Fehler. Jedes Jahr ohne Vorsorge kostet Sie exponentiell mehr als das, was Sie "sparen". Der Zinseszinseffekt arbeitet nur für Sie, wenn Sie ihm Zeit geben.

2. Nur auf eine Säule setzen

Wer alles in die Rürup-Rente steckt, hat keine Flexibilität. Wer nur ETFs kauft, verschenkt Steuervorteile. Diversifizieren Sie Ihre Vorsorge genauso wie Ihre Anlagen.

3. Teure Produkte kaufen

Fondsgebundene Rentenversicherungen mit 2-3 % jährlichen Kosten fressen einen Großteil Ihrer Rendite. Achten Sie auf die Gesamtkostenquote und bevorzugen Sie günstige ETF-basierte Lösungen.

4. Vorsorge in Krisenzeiten stoppen

Wenn der Markt fällt, kaufen Sie mit dem gleichen Betrag mehr Anteile. Gerade in Krisen ist es wichtig, den Sparplan weiterlaufen zu lassen.

5. Vorsorge-Vermögen für das Geschäft nutzen

Ihre Altersvorsorge ist keine Notfallreserve für das Unternehmen. Halten Sie Geschäfts- und Vorsorge-Vermögen strikt getrennt. Für die geschäftliche Finanzplanung nutzen Sie Ihren Finanzplan.

Altersvorsorge und Steuern

Die steuerliche Behandlung Ihrer Altersvorsorge beeinflusst die reale Rendite erheblich.

In der Ansparphase

VorsorgebausteinSteuerliche Behandlung
Gesetzliche Rente100 % absetzbar (als Sonderausgabe)
Rürup-Rente100 % absetzbar (bis zum Höchstbetrag)
ETF-SparplanNicht absetzbar; Vorabpauschale auf thesaurierende ETFs
Immobilien (vermietet)Zinsen und Abschreibung absetzbar

In der Auszahlungsphase

VorsorgebausteinBesteuerung
Gesetzliche RenteSteigt mit dem Renteneintrittsjahr; ab 2058 voll steuerpflichtig
Rürup-RenteWie gesetzliche Rente
ETF-Verkäufe26,4 % Kapitalertragssteuer auf Gewinne (inkl. Soli)
MieteinnahmenEinkommensteuer zum persönlichen Steuersatz

Mehr zu steuerlichen Details finden Sie in unserem Steuer-Guide für Selbstständige und unserem Artikel zu Steuerspartipps.

Checkliste: Altersvorsorge starten

  • Rentenlücke berechnen (gewünschtes Einkommen minus erwartete Rente)
  • Vorsorgebudget festlegen (mindestens 15 % des Nettogewinns)
  • Notgroschen aufbauen (3-6 Monatsausgaben auf Tagesgeld)
  • ETF-Depot eröffnen und Sparplan einrichten
  • Rürup-Rente prüfen (lohnt sich bei Steuersatz ab ca. 35 %)
  • Freiwillige Rentenversicherungsbeiträge prüfen (Mindestbeitrag für Erwerbsminderungsschutz)
  • Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen (siehe Versicherungs-Guide)
  • Jährlich überprüfen und anpassen

Fazit: Anfangen schlägt Optimieren

Die perfekte Altersvorsorge-Strategie gibt es nicht. Was es gibt, ist ein klarer Grundsatz: Früh anfangen ist wichtiger als optimal anlegen. Ein simpler ETF-Sparplan mit 300 € monatlich ab sofort schlägt jede ausgeklügelte Strategie, die Sie nächstes Jahr starten.

Setzen Sie sich diese Woche hin, eröffnen Sie ein Depot, richten Sie einen Sparplan ein und überweisen Sie den ersten Betrag. Den Rest können Sie optimieren, während Ihr Geld bereits für Sie arbeitet.